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Von Argumenten und Wahrheiten -
Kommentar zur aktuellen Debatte um Jugendarbeitslosigkeit in Frankfurt
"Jugendliche müssen in Frankfurt keine ´Warteschleife´ drehen:
Im Ballungsraum Rhein-Main sind ausreichend Lehrstellen vorhanden"
Frankfurter Rundschau vom 24. Februar 2004.
"Rund 15% der Schulabgänger sind nach Ansicht von Fachleuten nicht ausbildungsfähig
oder willig. Meist sind die gestiegenen Anforderungen ... nicht mit den mangelhaften Eignungsvoraussetzungen
der Bewerber zu vereinbaren. ... Häufig fehlt es aber auch an der nötigen Motivation der Jugendlichen. ...
Zudem sind viele Jugendliche nicht bereit, flexibel auf die Marktsituation zu reagieren."
Zu lesen in einer Presseerklärung der Agentur für Arbeit Frankfurt vom 26. Februar 2004
So oder so ähnlich schallt es zur Zeit aus verschiedenen Ecken der Presselandschaft. Mit anderen Worten heißt
dass: die heutige Jugend ist faul, dumm, unmotiviert und dazu noch frech. Wer keine Lehrstelle hat ist selber schuld und
verdient nicht unser Mitleid.
Wahr ist, es gibt in Frankfurt mehr Lehrstellen als in anderen Regionen Deutschlands. Wahr ist aber
auch, viele gut ausgebildete Jugendliche, zum Teil aus ganz Deutschland, bewerben sich im Rhein-Main-Gebiet.
Damit kommt es zu einer enormen Konkurrenz für die Jugendlichen aus Frankfurt.
Wahr ist, dass rund 15% der Schulabgänger nicht ausbildungsfähig sind
eventuell sogar mehr. Wahr ist aber auch, dass es diese Gruppe junger Menschen eine Generation früher auch
gab und dass sie in der Produktion der Großbetriebe Arbeit und ausreichend Einkommen gefunden haben.
Z.B. als Schichtarbeiter bei der ehemaligen Höchst AG.
Wahr ist, dass viele Bewerber mangelhafte Eignungsvoraussetzungen und Motivation mitbringen.
Wahr ist aber auch, dass diese Bewerber aus unseren Schulen kommen, für die wir die gesellschaftspolitische Verantwortung haben.
Wahr ist, dass Jugendliche nicht sehr flexibel auf die Marktsituation reagieren.
Wahr ist aber auch, dass eine sichere Berufswahl nicht nur nach dem Markt sondern immer auch nach individuellen
Neigungen und Fähigkeiten fragen muss.
Argumente und Aussagen die uns als Wahrheiten verkauft werden, sind und bleiben subjektiv
und von Interessen bestimmt; dies gilt auch für meine Wahrheiten. Das Interesse hinter diesen Pressemeldungen
kann nur sein, die gesellschaftliche Verantwortung für die Ausbildungsmisere auf die Jugendlichen zu übertragen.
Falls diese Strategie aufgeht, werden wir uns in einigen Jahren mit ganz anderen Wahrheiten herumzuschlagen haben.
Stefan Steinbacher
(ehemaliger Vorstand des Jugend braucht Arbeit e.V.)
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